Jahresbericht 2025

«Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen sollen eine Chance auf ein autonomes Leben bekommen.»

Interview mit Bernadette Häfliger Berger, Direktorin der IV-Stelle Kanton Bern, zur Organisationsentwicklung im Jahr 2025.


Welche Erfahrungen oder Beobachtungen haben den Anstoss für die Organisationsentwicklung gegeben?
Bernadette Häfliger Berger: Nachdem die Rentenzusprachen ab dem Jahr 2005 zurückgegangen sind, steigen sie seit 2020 wieder an. Dies obwohl die Invalidenversicherung in der 5. und 6. IVG-Revision seit 2008 grossen Wert auf die Eingliederung legt. Der Ansatz wurde mit Fokus auf den ersten Arbeitsmarkt im Jahr 2022 noch einmal gestärkt. Trotzdem werden heute immer mehr Menschen wegen psychischen Erkrankungen erwerbsunfähig. Von dieser Entwicklung sind überdurchschnittlich oft junge Erwachsene betroffen. Mit der digitalen Transformation verändert sich im Moment nicht nur die Gesellschaft, sondern vor allem auch der Arbeitsmarkt fundamental. Das beeinflusst einerseits die Berufsbilder und andererseits die Anforderungsprofile sehr grundsätzlich. Ebenfalls stark gewandelt haben sich die Erwartungen unserer Kundinnen, Kunden sowie Partnerinnen, Partner. Die klassische Behörde, die einseitig anordnet, bei der es «halt auch ein bisschen länger dauern kann», wird nicht mehr akzeptiert. Zudem wird erwartet, dass sowohl Prozesse wie Dienstleistungen digitalisiert sind. Dass die Invalidenversicherung noch nicht alle diese Anforderung vollumfänglich erfüllt, mag zum teils negativen Aussenbild beitragen.

Welche Anliegen und Ziele verbindet die IV-Stelle Kanton Bern mit der neuen Strategie und der Reorganisation?
Wir wollen unsere Dienstleistungen und Prozesse an den Bedürfnissen unserer Kundinnen und Kunden – also den versicherten Personen – und den Unternehmen und Ausbildungsbetrieben ausrichten. Wir haben den Anspruch, dass Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen eine Chance auf ein autonomes Leben bekommen. Diese Autonomie gewinnt man in unserer Gesellschaft hauptsächlich dadurch, dass man einer Arbeit nachgehen oder eine Ausbildung absolvieren kann. Deshalb bleibt unser primäres Ziel die Integration im ersten Arbeitsmarkt. Dabei streben wir ein rasches Vorgehen, verständlich formulierte und nachvollziehbare Entscheidungen und den Abbau von Hürden an.

Bei einer Organisationsentwicklung dieser Grössenordnung entstehen viele Lernmomente Wie ist es dabei gelungen, das anspruchsvolle Tagesgeschäft aufrecht zu erhalten?
Es war von Anfang an klar, dass es auch nach dem 1. April 2025 noch Lernschlaufen braucht. Dabei sollte das exzellente Fachwissen der Mitarbeitenden und ihre Erfahrungen im Tagesgeschäft bewusst genutzt werden, um weitere Optimierungen an den neuen Prozessen vorzunehmen. Zudem haben wir uns punktuell auch noch von externe Projektpartnerinnen und -partner unterstützen lassen. Dadurch dass Teams teilweise neu zusammengesetzt worden sind, konnten die Mitarbeitenden zudem von unterschiedlichen Herangehensweisen ihrer Kolleginnen und Kollegen profitieren. Die Entwicklung neuer Angebote wird mit Projekten realisiert, in denen abteilungsübergreifend überlegt und zusammengearbeitet wird. Dank den vielen sehr engagierten Mitarbeitenden, die sich in dieser Zeit gegenseitig unterstützt haben und auch mal bereit waren, eine Extrameile zu gehen, konnte das anspruchsvolle Tagesgeschäft so nicht nur aufrechterhalten, sondern auch weiterentwickelt werden.

Welche kulturellen Veränderungen wurden angestossen und welche Herausforderungen haben Sie dabei besonders beschäftigt?
Wir haben sehr viele langjährige Mitarbeitende. Für einen Teil von Ihnen stellte und stellt der Kulturwandel hin zu mehr Eigenverantwortung und Kundenorientierung eine Herausforderung dar. Auch dem neuen Führungsverständnis nähern sich einige Mitarbeitende und Kaderleute erst langsam. Diese Bemühungen müssen zusätzlich unterstützt werden, weshalb wir im letzten Jahr viel in Massnahmen des Changemanagements investiert haben. Gleichzeitig sind in den vergangenen Monaten viele neue Mitarbeitende und Kaderleute zu uns gestossen, die die IV-Stelle Kanton Bern gerade wegen der neuen Strategie und den neuen Werten als Arbeitgeberin gewählt haben und diese nun auch einfordern. Das kann zu Reibungen und Konflikten führen.

Wo zeigen sich für Kundinnen und Kunden sowie für Partnerinnen und Partner bereits positive Veränderungen?
Von Kundinnen und Kunden und ihren Vertretungen wird besonders geschätzt, dass sie eine klar definierte Ansprechperson haben, die sämtliche Fragen zu ihrem IV-Verfahren koordiniert. Partnerinnen und Partner geben uns die Rückmeldung, es sei klar zu erkennen, dass mit der Strategieänderung eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe gesucht wird. Sie schätzen auch, im Rahmen von Soundingboards von Anfang an in unsere strategischen Projekte eingebunden zu werden. Dass Dienstleistungen mehr an den spezifischen Bedürfnissen eines Betriebs ausgerichtet werden können, kann die Bereitschaft bei Unternehmen erhöhen, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen einen angepassten Arbeitsplatz anzubieten.

Was darf man 2026 von der IV-Stelle Kanton Bern Neues erwarten?
Im 2026 ist ein Ziel sicher, die bereits angestossenen Veränderungen zu sichern und abschliessend zu optimieren. Dann möchten wir möglichst viele der laufenden Projekte ins Tagesgeschäft überführen: so werden wir bald «Moviia» – ein spezifisches Beratungsangebot für Jugendliche und junge Erwachsene – aufschalten sowie ein Angebot zur Verbesserung der Integrationsmöglichkeiten in KMU-Betrieben zur Verfügung stellen. Gleichzeitig läuft zurzeit ein Pilotprojekt mit der Migros Aare, mit dem unsere Dienstleistungen für grosse Arbeitgeber optimiert werden sollen. Bereits gestartet hat das allgemeine Beratungsangebot der IV-Stelle Kanton Bern: Es ermöglicht, sich über unterschiedliche Kanäle niederschwellig über Angebote der Invalidenversicherung zu informieren. So wollen wir Hürden abbauen und dazu ermutigen, die IV frühzeitig einzuschalten. Zudem arbeiten wir daran, unsere Prozesse weiter zu digitalisieren, damit ab 2028 eine Kundenplattform aufgeschaltet werden kann.